“Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren.”
“Karohemd und Samenstau, ich studier Maschinenbau.”

Studentensprüche


Mit der Neugründung vieler Universitäten ab den 1960er Jahren, veränderten sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur vor allem geisteswissenschaftliche Studienmöglichkeiten, sondern zugleich musste das Unternehmen Hochschule auch aus gestalterischer und ästhetischer Sicht neu gedachten werden. Dies zeigte sich vielerorts zum einen in einer damals modernen, wissensbegünstigenden Bildungs-Architektur (siehe z.B. die Ruhr-Universität Bochum), zunehmend aber auch in der Art und Weise, wie sich von nun an die Lehrkörper zugleich modisch wie theoretisch up to date einkleideten.

Nicht nur die Studentenbewegung der 1968er, auch Professoren und Forscher begannen zu erkennen, dass universitäre Roben, wie beispielsweise der Talar, zwar hierarchische Systeme uniformieren können, dabei jedoch wenig förderliche Auswirkungen auf das Theoriedesign hatten, sondern ganz im Gegenteil konzeptuell eher hinderlich waren. Die Wäsche der Wissenschaft wurde neu gedacht. Nicht von ungefähr begannen sich in dieser Zeit selbst kritische Theoretiker wie die Denker der Frankfurter Schule für die Mode der Massenkultur zu interessieren, waren sie doch in einer neuartigen Phase der Selbstreflexion beständig auch mit dem impact beschäftigt, den die eigenen Klamotten auf ihre Hypothesen und Argumente hatten.

Schließlich waren es jedoch vor allem zeitgenossenschaftliche Wissenschaftler um die Düsseldorfer Max Schemmler-Schule, die bemerkten, dass Stoffe und Schnitte auch einen direkten Einfluss auf gedachte und zu Papier gebrachte Konzeptkorsette hatten. Von nun an galt: wie man sich kleidet, so denkt man – und so stellte der britische Soziologe, Zeitgenosse und Bowler-Träger Trevor Ellen 1969 in seinem Buch Undressed Thinking fest: “The suit suits my mind. My shoes make me think.” Der von ihm ausgerufenen fashion turn und der gleichzeitige Versuch einen ‘New Tailorism’ an den Universitäten und Instituten einzuführen, schaffte es vermutlich allein aufgrund akademischer Eitelkeiten nicht, größere wissenschaftliche Kreise zu ziehen.

Mit Science Fashion zeichnet eine Publikation erstmalig die gegenseitige Beeinflussung von Mode und Wissenschaft im Detail und mit scharfer Nadel nach. Dabei geht es zum einen darum aufzuzeigen, wie Kleidung – von den Socken bis zur Motivkrawatte – ganze Schulen und Denkrichtungen prägte, modisch werden ließ und Konzepte unterschiedlicher Konfektionsgrößen, von den sogenannten Pret-à-Porter-Theorien bis zur Haute Couture-Forschung fachgerecht ausstaffierte. Zum anderen wird rückwirkend wiederum der Einfluss dieser Denkansätze auf die Modewelt nachgezeichnet, die ab den 1970er Jahren die “theoretische Tracht” (Prof. Anna Wintour) nicht nur in den Hörsälen, sondern auch auf den Laufstegen der internationalen Schauen en vogue machten.

Mit einer der derzeit wichtigsten, schönsten und zudem wenig überraschenden Thesen des Buches kann knapp behauptet werden:

Wer sich gut anzieht, der denkt gut!

Abschließend werden in einem umfangreich bebilderten Appendix die missglücktesten Winter- und erfolglosesten Sommerkollektionen der Science Fashion seit den 1990er Jahren, und in einem stets aktuellen Verzeichnis die immer noch wichtigsten Fakultäts-Schneidereien der Geisteswissenschaften vorgestellt und ihre modische wie theoretische Relevanz verortet.

Im Erscheinen 2020.

Der Autor wird im Einklang mit dem sich im Erscheinen befindenden Werk von unterschiedlichen Marken ausgestattet. Derzeit: Sewing & Theory, London.